Die Mutlosen – Genartionenprotrait I

Eine Generation stagniert, hat Angst sich zu bewegen und dreht sich im Kreis. Die Scheu vor großen Entscheidungen, nicht vollständig abgesicherten Projekten oder Investitionen grassiert unter jungen Akademikern. Die Angst etwas zu verlieren, ohne überhaupt schon etwas gewonnen zu haben – eine gute Anstellung, einen Topverdienst, ein prima Netzwerk ect. – ist übermächtig geworden und macht die etwas mutigeren mutloser denn je. Lichtblicke sind diejenigen, die sich trauen und sich nicht einschüchtern lassen von Finanzkrisen und ernüchternden Zukunftsprognosen.

Harz-IV-beziehende Universitätsabgänger

Warum aber gibt es nicht längst eine erstarkende Gegenbewegung zu dieser einheitsgrauen Masse, in der Geld und Erfolg als einzig schlagende Lebens- und Arbeitsargumente zählen. Warum schmeißen wir so radikal allen Idealismus von besseren Wohn-, Lebens- und Arbeitssituationen über Bord? Warum schwimmen wir widerstandslos mit in einer Welle der Arbeitssuchenden, Harz-IV-beziehenden Universitätsabgängern, schreiben uns die Finger wund an zigfach umformulierten, auf hochglanz stilisierten Bewerbungen, die dann sechshundertfach auf den Schreibtischen der jeweiligen Kulturinstitutionen landen?

Happy-Endloses TV-Drama

Und selbst wenn ein solches Bewerbungsunterfangen einmal geglückt sein sollte, geben wir uns selig lächelnd mit einem Gehalt zufrieden, mit dem wir noch nicht einmal unseren monatlichen Lebensunterhalt finanzieren können. Wer diktiert uns eine solche Lebenshaltung, warum und von wem lassen wir uns diktieren? Warum platzt uns nicht endlich der Kragen? So dass die Risse im Gewebe nicht mehr geflickt werden können, sondern neue Lebensentwürfe nutzbar gemacht werden müssen. Warum, wenn uns schon so Dunkles prophezeit wird, sehen wir tatenlos zu, als wäre das alles nicht unser Leben, sondern ein typisch deutsches Happy-Endloses TV-Drama.

Wust an Wahlmöglichkeiten

Geht es uns zu gut? Denn es heißt, erst die Not macht erfinderisch. Aber geht es wirklich darum? Leben wir heute anders als unsere Eltern? Wurden uns größere finanzielle Sicherheiten mit auf den Weg gegeben? Weniger gesellschaftliche Probleme? Das trifft den Kern des Problems wohl bloß zum einen Teil. Viel eher gehen viele von uns unter in einer Flut von Möglichkeiten, die bewegungslos macht. Vermaledeit, wer seinen vererbten Wust an Wahlmöglichkeiten noch mit einem geisteswissenschaftlichen Studium getopt hat und sich somit weder beruflich noch privat in irgendeiner erdenklichen Weise festlegen möchte oder kann.

Also lieber abwarten

Da wird die Marke von Ende zwanzig nach 30 überschritten, was naturgemäß zu einigem Grübeln über Lebens- und Berufslage führt und dennoch rudern wir weiter in alt bekannten Gewässern. Fischen traut sich schon lange keiner mehr – wer weiß, wen oder was man da im schlimmsten Fall am Haken hat. Wir setzen auf Vertrautes und lassen uns treiben. Der richtige Mann wartet noch immer, der Zeitpunkt für Nachwuchs hat sich noch nicht eingestellt und die Karriere wird  irgendwann von selbst an die Wohnungstür klopfen. Wir selbst können da leider nichts ausrichten, denn das kann ja immer auch die falsche Entscheidung sein. Eigene Entscheidungen sind in diesen Zeiten eine schwierige Sache geworden. Also lieber abwarten – irgendwas Sinnvolles wird uns schon irgendwann über den Weg laufen.

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2 Kommentare

  1. Da lese ich heute morgen die Taz von vorne bis hinten und zum nachdenken bringt mich erst dieser kleine Text meiner Freundin. Selbst wenn alles ereicht scheint…“Erfolg“ und „Zufriedenheit“ im Beruf und im Privaten. Trau dich ja nicht darüber nachzudenken, ob das alles so ist, wie du dir es erträumst, erträumt hast oder erträumen solltest. Da bleibt der Spruch der Großeltern, zufrieden zu sein, mit dem, wie gut du es hast, der Eltern, die nicht erwarten, dass was aus dir wird, das aber bitte mit voller Leidenschaft und Erfüllung. Dann noch die, deren Erfolg sich am Gehalt misst. Du kannst dich dem aber nicht ganz entziehen. Und noch viel schlimmer, die, die die Erfüllung gefunden haben. Neid, keiner möchte den haben. Und dann ein kleiner Blick auf dich selbst…wer sieht mich genau so? Mit diesem Blick…da kann doch was nicht stimmen. Ja, etwas stimmt nicht. Denn wer traut sich das, wirklich nachdenken, was möchte ich eigentlich! The show must go on!

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