Und kläglich blökt das Lamm — Ein Nachruf in spe

And then, one thousand years of peace
von Angelin Preljocaj im Haus der Berliner Festspiele

Wie niedlich ist das denn! Zwei kläglich blökende Lämmlein, die vor ausverkauftem Haus ängstlich auf der Bühne herumwackeln. Das Ende von And then, one thousand years of peace des französischen Choreografen Angelin Preljocaj rührt den Zuschauer und lässt ihn hoffen, dass die Lämmer bald wieder heimkehren dürfen auf ihren schönen Bio-Bauernhof im Brandenburger Hinterland. Dass sie die Transport- und Aufenthaltsstrapazen und den vermutlichen Kulturschock gut wegstecken und schon im kommenden Frühjahr zu glücklich grasenden Schafen heranwachsen. Womöglich lohnt sich sogar einmal ein Ausflug auf den Schaf- und Agrarhof im Dahmetal, man fährt ja sowie so gern ins Grüne. Ein Anruf genügt und das schöne Bild vom glücklichen Schaf fällt in sich zusammen – „Schlachtbetriebe Nesges“ – das ist mit Sicherheit keine gute Zukunftsprognose für die kleinen Lämmchen.

„Und haben ihre Kleider gewaschen […] im Blut des Lammes.“

„Und haben ihre Kleider gewaschen […] im Blut des Lammes.“ Und da waschen und wringen die Tänzer die Nationalflaggen aller Welt und legen sie hernach auf den Bühnenboden zum Trocknen. Konsequenter hätte Preljocaj, der in einem Interview vom Verfall der Zivilisation und der Rückkehr in die Barbarei spricht, diese Bibelstelle wohl nicht auf die Bühne bringen können. Die Frage ist, ob er sich dieser Konsequenz selbst bewusst war. Denn die Lämmer, die im biblischen Sinne der Erlösung dienen, sind in der Brandenburger Realität Schafe, die, kaum ausgewachsen, zu Lammkeulen verarbeitet werden. Und während Preljocajs mythisch aufgeladenes Untergangszenario nicht wirklich an den Zuschauer heranrückt, liegt der Schlachtbetrieb gerade einmal 60 Autominuten vom Aufführungsort entfernt. Und mit etwas Glück, schiebt man kommende Ostern ein Lamm in die Röhre, das mit erstklassiger Technomusik von Laurent Garnier beschallt und von weltklasse Tänzern verwöhnt wurde. Ob das dem Fleisch und seiner Konsistenz zuträglich ist, bleibt ungewiss.

Plastikplanen und Eisenketten

Lammkeule hin oder her: Der Kurzauftritt der Lämmer wird von der Inszenierung nicht weiter thematisch vertieft und bleibt, wie so vieles an diesem Abend, reine Bildoberfläche. Die Schafe werden, neben Büchern, Stühlen, Plastikplanen und Eisenketten, Teil eines Requisitensammelsuriums, das vor allem gewollt, jedoch nicht künstlerisch integriert wirkt. Das Programmheft verweist zwar auf den Schaf- und Agrarhof als Aufzuchtsort der Lämmer. Von Schlachtbetrieb ist aber nicht die Rede. Anzunehmen also, dass der Choreograf die Schlussszene allein auf einen symbolisch prall aufgeladenen Überraschungsmoment ausgerichtet, von der Doppelbödigkeit des inszenierten Opferlammmotivs jedoch selbst nicht Kenntnis hatte.

Unschuld und Verletzlichkeit

Angelin Preljocaj erwähnt, er habe die Apokalypse vor allem als Bild der Enthüllung gelesen und umgesetzt. Er wolle offen legen, wie rückwärtsgewandt sich die Menschheit in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat und wie es an gegenseitigem Respekt mangele. Seine Idealvorstellung der Zivilisation beruhe auf Toleranz, Respekt, Friedlichkeit und Reinheit. In seiner Schlussszene visualisiert er den Wunsch von Unschuld und Verletzlichkeit: Ein Chor von Tänzern, die Lämmer in ihrer Mitte. Fragen werden dabei keine aufgeworfen, Provokation ein Fremdwort. Die Bilder, die Preljocaj aufwendig inszeniert, verwehren den Blick unter die schöne Oberfläche und sind weit davon entfernt, wirklich zu verstören.

Das hochkultivierte Theatervolk sitzt bequem auf den neu bezogenen Theatersesseln und macht sich weiter keine Gedanken über das Schicksal der Lämmer und die Ungerechtigkeit der Welt – hundert Minuten Tanz sind anstrengend genug. Draußen im Schnee, in einem improvisierten Unterschlupf, wartet die Schafmutter auf ihre Zöglinge und wird sich berechtigter Weise fragen: wozu dann der ganze Aufwand?

and-then-c-jc-carbonne_131.jpg
(Foto: Berliner Festspiele)

Advertisements

1 Kommentar

  1. starker text. gefällt mir sehr gut. ich konnte mich durch die bilder auch wieder an das projekt erinnern. es wurde in der süddeutschen (???) besprochen. starke seite. nur gut, dass der schnee nicht liegen bleibt, sonst wäre nach langem lesen der tollen texte der bildschirm weiß.
    samy

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s