Justin, Kevin und das Theater

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Ein Besuch im Kindertheater

Es donnert und kracht auf der Bühne, gleißende Blitze überziehen das Bühnenbild. Kevin springt auf und ruft „Hey Justin, ich hätte gar nicht gedacht, dass das Stück so cool ist!“ Bemerkenswert, dass er wenigstens Stück und nicht Film sagt. Die Unterscheidung ist nicht einfach, zumindest für Kinder, die zum ersten Mal im Theater sitzen.

Gendercrossing versteht man nicht

Aber was Justin und Kevin dann völlig ratlos macht: „Warum hat der Mann einen Rock an? Warum hat er eine Perücke auf – oder ist das bloß sein Hut?“ Was für den Erwachsenen olle Kamellen sind, ist für die Kinder vollkommenes Unverständnis. Was sollen sie auch anfangen können mit der Idee vom gendercrossing oder dem mal mehr mal minder originellen Regieeinfall, das Telegramm von einem Mann im Frauenkostüm auf die Bühne stolpern zu lassen.

Applaus als neuen Erfahrungswert

Und besonders der Applaus ist eine ganz neue Erfahrung für das Nachwuchspublikum. Denn beim Film klatscht man ja auch nicht. Also „warum klatschen die denn so lange?“ „Meine Hände tun ja schon weh!“ Und dann der Zugabe-Ruf – mit Sicherheit einer der größten Unterschiede zum Erwachsenentheater und letztendlich relativ sinnlos. Denn links und rechts müssen sie ziemlich dringend aufs Klo. Hinten und vorn wollen sie auch so viele Gummischlangen wie das Mädchen zwei Reihen weiter, das zehn Euro in Haribo investiert haben soll. Und wie bitte schön sollte denn eine Zugabe aussehen? Vielleicht noch einmal der letzte Akt? Oder nochmals das Donnergrollen mit Blitzgewitter?

Anstandlose Impulsivität

Und da wären wir beim grundlegenden Unterschied zwischen dem Kinder- und dem Erwachsenenpublikum: Die Kinderzuschauer reagieren anstandslos impulsiv. Kevin springt auf und rüttelt seinen Freund an den Schultern wenn er die Darbietungen auf der Bühne cool findet. Und wenn auch nur ein einziger Takt rythmische Musik aus den Boxen kommt, wird augenblicklich mitgeklatscht. Dieses Publikum fühlt sich als vollkommener Teil der Inszenierung. Es spaltet sich nicht ab, sieht keine Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum. Es verspricht dem Mädchen, das oben aus dem Fenster schaut, es beim Vater nicht zu verraten und dreht sich geschlossen im Sitz herum, wenn der Mann auf der Bühne nach hinten zeigt. Es fährt zusammen, wenn der Teufel durch die Reihen tobt und spricht unaufgefordert den Zauberspruch mit. Selbst Kevin wird augenscheinlich ruhig und wiederholt Wort für Wort die Verszeilen.

Verstohlene Blicke zum Nachbarn

Wie lange im Gegensatz dazu dauert es, bis ein erwachsenes Publikum soweit animiert ist, das es wenigstens leise vernehmlich in ein Lied mit einstimmt, das die Darsteller zigmal wiederholen, es auf Videoleinwand projizieren und selbst mitgrölen? Und selbst dann noch blickt man sich verstohlen um, ob der Nachbar auch mitsingt, ob es nicht doch eher peinlich ist, was man da tut.

Im Rhytmus klatschen ist Ehrensache

Die Kinder machen sich wenig daraus was sich gehört oder nicht. Na klar sind Lieder zum mitsingen und ein guter Rhythmus zum Klatschen da! Und sicherlich wollen die Leute auf der Bühne, dass das Publikum mitmacht, wenn oben applaudiert wird. Kevin und Justin jedenfalls sind begeistert von den Feuerfontänen auf der Bühne. Vielleicht kommen sie ja tatsächlich noch einmal wieder ins Theater – statt Kino.

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1 Kommentar

  1. Da ist wenigstens was los im Kindertheater. Keine intellektuelle Stille. Schade: Früher gabs zumindest mal Stühleklappen, wenn es auf der Bühne zu bunt für die ersten Reihen wurde.
    Wie schon John Lennon sagte: Danke für den Beifall und es reicht, wenn die ersten Reihen mit den Perlenketten rascheln.
    Also: Weiter so mit DIESER Art von Theater.

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