Zugstau

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Das Radio sagt, dass sich die Vögel im Zugstau befinden. Am Bodensee stauen sich die Vögel, die vor Kälte keine Kraft mehr haben, um weiter in den Norden zu fliegen. Sie verweilen dort und verhungern nach drei, vier Tagen aus Futternot. Manche Zugvogelarten machen kurzerhand kehrt und fliegen entgegen ihrer eigentlich vorgegebenen Flugroute zurück in den Süden. Die meisten überleben auch das nicht.

Und wir – befinden auch wir uns im Zugstau? Die Blumenläden bleiben auf den Frühblütlern sitzen, die Kleidergeschäfte auf ihrer Frühjahrskollektion und den Eisdielen gefriert das Eis von selbst. Viele Geschäfte tendieren zur Umkehr, holen die Winterstiefel wieder aus dem Lager und machen ihren Umsatz mit Daunenjacken anstatt mit Bademode.

Auch wir sind an solcherart Frühling nicht gewöhnt. Auch wir brauchen eine verlängerte Winterfütterung – Vitamine, Licht und Wärme. Wie auch immer die Skandinavier das machen, jedenfalls haben sie eine Gewohnheit damit. Sie wissen, dass ganz oben im Norden die Sonne nur ganz im Sommer den ganzen Tag scheint und dass der Winter lang und lichtlos ist. Aber wir sind nicht darauf vorbereitet. Unserer Kraftreserven sind leer. Unsere Pigmente auf ein Minimum an Farbe verblasst. Die Haare welk, die Kleider farblos. Unendliche Müdigkeit trotz 12 Stunden Schlaf. Wir brauchen Sonne, Frühling, Sommer – jetzt!

Fast hätte ich mir gestern ein paar gefütterte Winterstiefel gekauft. Zu eisig wirkte ein rot gepunktetes Sommerkleid. Einen Tag später bin ich froh über einen Pullover in leuchtendem Blau. Der wirkt ehrlich und riecht trotzdem ein bisschen nach Sommer.

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