Smartphone weg – Zeit her! oder: Warum wir uns selbst so fremd geworden sind

Gibt es je noch ein Gespräch unter Freunden, ohne dass mindestens einer mindestens einmal auf sein Handy schaut? Die Antwort lautet vermutlich nein.

Längst ist es normal, dass während eines Gesprächs unter vier Augen, nebenbei die Nachrichten auf dem Display gescannt werden. Wie ein Magnet ziehen die Geräte unsere Aufmerksamkeit an und lassen Gespräche minutenlang verstummen.
Es wirkt, als hätten wir uns das Verhalten des mobilen Gesprächs implementiert, copy and paste: abgehackt, ständig unterbrochen, schlechte Qualität und niemals singulär, sondern stets mit einer Zweit- oder Drittbeschäftigung. Woher kommt diese enorme Angst etwas zu verpassen? Oder ist es vielmehr die Angst, sich voll und ganz auf etwas einzulassen? Immer auf dem Sprung in einen anderen Job, eine andere Beziehung, ein anderes Leben?

Die Handykrücke

Der Griff zum Handy ist einem solchen Automatismus unterworfen, dass es meist nicht einmal bemerkt wird. Das Handy ist uns zum Geh- und Krückstock geworden. Wir halten uns daran fest, stützen uns auf, halten uns gerade, obwohl wir aus dem Gleichgewicht geraten sind. Das Smartphone ist eine schicke Krücke, hinter der wir uns gut verstecken können wenn wir unsicher sind. Eine wertvolle Krücke und wer seins verliert, steht ziemlich blöd da.

Ich glaube tatsächlich nicht daran, dass uns die technische Entwicklung in dieser Hinsicht einen Gefallen für unser Wohlbefinden getan hat. Und damit meine ich nicht den beruflichen Gebrauch, sondern nur und ausschließlich den privaten. Ich meine ein modernes Privatleben, von dem wir gern vorn an stellen wie stressig es ist, wie durchgetaktet unser Alltag, wie wenig Zeit bleibt und wie sehr uns Ruhe und Entspannung fehlen. Und wie sehr uns, neben all dem, vor allem der Anreiz zum Engagement fehlt, politisch, gesellschaftlich wie auch immer. Wie sehr uns bestimmte Werte abhanden gekommen sind. Wie wenig wir für den Frieden, die Umwelt, die Freiheit kämpfen. Wie sehr uns das alles egal ist.

Auch mal mental die Rolles runterlassen

Wir buchen Yoga-, Meditations-, Enspannungs-, Wellness-, und Selbstfindungsseminare. Wir suchen den Ausgleich, weil wir das Gefühl haben, aus dem Takt gekommen und uns fremd geworden zu sein. Wir hoffen, dass andere uns selbst wieder näher bringen. Dabei sind wir es doch, die wir uns am besten kennen. Aber wir haben kein Vertrauen mehr in uns. Zu oft funktionieren wir einfach. Wir arbeiten in einem unglaublichen Tempo, absolvieren in etwa demselben Tempo unsere Freizeit und wenn wir einmal zur Ruhe kommen, halten uns 1000 was-wäre-wenn-Fragen davon ab, auch mental die Rollos runterzulassen.

Wir sitzen sehr bequem auf einer ungeheuren Informationsflut, die uns unablässig aus unserem Handy überschwemmt, die wir immer und überall abfragen können, für die es keine Unterbrechungen mehr gibt. Wir sind immer online, immer mitten drin, immer dabei. Wir teilen, was uns gefällt digital mit anderen, empören uns via online Petition und schauen uns, müde von all den Datenflüssen, die Demos vor unserer Haustür lieber auf Youtube an. Wir fühlen uns dauerbeteiligt und ersetzen die physische mit der digitalen Anwesenheit. Dass auch diese durchaus unglaubliches bewirken kann, ist nicht in Frage zu stellen.

Der Smartphonejoker

Wir aber sitzen nur selten mitten in einem Krisenherd, abgeschnitten von der Berichterstattung. Öfter fläzen wir auf einer der zigtausend Berliner Grünflächen, auf Caféstühlen oder auf eingesunkenen Seconhand-Sofas in irgendeiner Raucherkneipen ab 18. Wenn dann die Gesichter in der Runde hell erleuchtet sind von den Displays der Smartphones und minutenlang die Kommunikation ausschließlich auf einer digitalen Metaebene stattfindet, dann steht doch die Frage im Raum, ob überhaupt das Bedürfnis nach physischer Anwesenheit noch besteht, oder ob wir eingeübte Verhaltensmuster einfach weiterführen, aber gleichzeitig verlernen ohne digitale Hilfsmittel noch eine gutes Gespräch am Laufen zu halten? Das Smartphone als Joker, den wir immer einsetzen können.

Permanten Kommunikationsschizophrenie

Dabei ist die Dauerbeschallung via smartphone weder Auslöser noch alleiniger Grund unserer hyperaktiven Gesellschaft. Sie ist nur ein Faktor unter vielen, die die gesellschaftliche Entwicklung hin zu einem leistungsversessenen Unruhezustand, gekoppelt mit einer permanten Kommunikationsschizophrenie überaus begünstigen.

Neben einem Autofreien Tag und Nicht-Raucher-Kneipen, sollte es auch smartphonefreie Zone und Zeiten geben – daran halten würde sich sowie so keiner. Aber wer sich daran hielte, der hätte alle Zeit der Welt!

Advertisements

3 Kommentare

  1. Hier fühlt sich jemand ertappt. Und ironischerweise habe ich eben selbst diesen Artikel mit besagtem Gerät konsumiert. Heisst das jetzt das dein Artikel mich zum Smartphone Konsum abgestachelt hat?
    Mir war da so als hätte Herr Sander mal irgendwas von der kraft, die stets das böse will und stets das gute schafft, erzählt.
    Gruss
    Sebastian

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s