Entspannt mit Kind – oder: eine Familie ist doch keine Wellness-Oase!

Jedes Mal wenn ich von einer entspannten Mutter höre, macht sich in mir ein großer Ärger breit. Und das nicht nur, weil ich mich heimlich ärgere, dass ich nicht selbst eine so entspannte Mutter sein kann, sondern und vor allem, weil ich finde, dass es sich hierbei um eine inflationär falsche Begriffsverwendung handelt. Das Wort Entspannung gehört in einen Yogakurs, in einen Spa-Bereich oder in den Urlaub. Aber ich möchte doch einmal wissen, welche Frau oder welcher Mann damit begonnen hat, das Wort Entspannung in einen Familienalltag zu implementieren (Bestimmt war das der erste große Wurf des Yuppi-Elternmagazins NIDO!). Eine entspannte Mutter, was soll das denn sein? Eine, die sich den lieben langen Tag in ihren Entspannungssessel legt, indische Entspannungsmucke hört, Yogitee schlürft und nebenbei sanft die Babywippe schaukelt? Eine Mutter, deren Kind nie schreit, immer schon durchschläft, keine Zornanfälle hat und eigentlich schon erwachsen ist? Kinder haben ist doch keine Wellness-Oase!

Im Wesentlichen sind es zwei Dinge, die mich so ärgerlich machen: 1. ist es fast unmöglich mit einem Kind dauerhaft entspannt zu sein und 2. frage ich mich, warum es heutzutage so wichtig ist, in erster Linie entspannt zu sein mit einem Kind bzw. woher diese Begriffsverquasung überhaupt kommt?

Enstpannungserziehungsmodell mit top Work-Life-Balance

Ich habe den Verdacht, dass das Enstpannungserziehungsmodell ziemlich eng verstrickt ist, mit dem Modell der reibungslosen – will sagen, tiefenentspannten – Vereinbarkeit von Kind und Karriere. Wir haben uns Rollenbilder, zumal der Frau, geschaffen, an denen wir selbst nur scheitern können: Neben gutem, verdammt junggebliebenem Aussehen (weil wir ja so entspannt sind), gehen wir neben der Familie total auf in unserem Berufsleben, sind – trotz Doppelverdienerhaushalt – unglaublich flexibel, haben ein prima funktionierendes Sozialleben und – na klar – eine top Work-Life-Balance durch Yoga-Pilatis-Feldenkrais-Zumba-Bauch-Beine-Po-usw. (fortgeschritten versteht sich!).

Tobende Kinder an der Supermarktkasse

Dass wir nachts die Milchflasche quer durch´s  Zimmer werfen, weil das Kind nicht ganz so entspannt schlafen möchte wie wir, oder dass wir regelmäßig die Beherrschung verlieren, weil das Kind in allem widerspricht und wir dauerhaft zu spät zur Schule kommen, bleibt unter uns. Und weil tobende Kinder an der Supermarktkasse und ein vom Schreien hyperventilierender Säugling im Auto alles andere als eine Entspannungskur sind, plädiere ich sehr dafür, dass wir Verständnis üben, wenn Mütter und Väter in solchen Fällen die Beherrschung verlieren, anstatt wieder nur mit unserem Entspannungsquatsch um die Ecke zu kommen!

Mantrisch bis manische Gelassenheit

Und wie bitte schön soll das auch gehen nach einem 8-Stunden Arbeitstag nach Hause zu kommen und neben Essenmachen, Wäschewaschen, Hausaufgaben kontrollieren, Zimmer aufräumen, neben Hunger und einem schlechtgelaunten, weil müdem Kind und einem schlecht gelaunten, weil müden Mann, noch und vor allem entspannt zu sein?
Sicher kann man versuchen ruhig zu bleiben, indem man die Umstände mit einer stoischen Gelassenheit erträgt, den überquellenden Wäschesack ignoriert, die Essensreste unterm Tisch mit dem Fuß noch weiter in die hinterste Ecke schiebt, die schmutzigen Socken zu einem Haufen kehrt und mantrisch bis manisch die Geschirrspülmaschine aus- und einräumt. Aber Entspannung sieht weiß Gott anders aus!

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Das Leben – kein Ponyhof

Ich finde, dieses Wort hat in diesem Zusammenhang nichts zu suchen! Denn eine gute Erziehung ist doch vor allem eine wirklichkeitstaugliche Vorbereitung auf das spätere Leben. Die wiederum zu einem ziemlich hohen Prozentsatz durch Vorbild und Nachahmung funktioniert. Und das Leben ist doch – ebenso wenig wie das Elternsein selbst – eine Entspannungsoase oder ein Ponyhof oder was auch immer!

Von mir aus können Eltern geduldig, fürsorglich, ruhig und auch gelassen sein. Entspannung aber heißt loslassen können und sich nicht kümmern müssen. Kinder aber brauchen Aufmerksamkeit und ab und zu jemanden, der schaut, dass kein Feuer gelegt und kein Balkongeländer bestiegen wird. Wir müssen wach sein und da sein. Die wirkliche Entspannung holen wir uns später ab!

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1 Kommentar

  1. Absolut. Und besonders spannend, nicht entspannend!, finde ich das Bild, was Frauen und auch immer mehr Männer darstellen sollen. Alles ist machbar, alles ist vereinbar- und dabei wirken wir alle noch super souverän und sehen toll aus.

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