Erwachsenenschlamassel oder Generationenportrait II

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Irgendwann kommt sie die Heirats- und Familienplanungswelle. Schwappt einfach über uns. Auf einmal drehen sich die Gespräche nur noch um Kleiderschneidereien, Ringschmieden und Tortenmanufakturen. Und wie der süße weiße Zuckerguss fühlt sich das Leben mit einem Mal an wie ganz nah dran an Hollywood. Schon ziehen die Störche am Schlafzimmerfenster vorbei und mit einem Paukenschlag hat sich das Leben um 180 Grad gedreht und die Romantik verdrückt sich leise zwischen Windelwechseln und Erziehungsratgebern.

Jetzt oder nie!

Jetzt stecken wir mitten drin im Ernst des Lebens und bekommen zu den schlaflosen Nächten, den finanziellen Engpässen, den beruflichen Fragezeichen auch noch das Gefühl „jetzt oder nie“! Wir sind in den besten Jahren, die großen Projekte wollen angepackt, die Lebensversicherung abgeschlossen und die Eigentumswohnung angezahlt werden. Doch umgeben von 1000 Unwägbarkeiten lastet das Bedürfnis nach Sicherheit schwer, mischt sich in all unsere Projektideen und Zukunftsvisionen. Der Wunsch, die eigenen Ideen voranzutreiben auf der einen Seite und die Angst, niemals davon leben, oder eine Familie ernähren zu können auf der anderen, macht uns schier bewegungsunfähig (Vgl.: Heinz Bude: „Gesellschaft der Angst“)

Doch wer markiert die Wertigkeit von Beruf und Lebensmodellen? Warum werden Ärzte gesellschaftlich nach wie vor auf einen Thron gehoben, während all diejenigen, die deren Arbeit erst ermöglichen, weit unterhalb gehandelt werden? Warum klaffen Gehälter so weit auseinander, dass allein aus Gründen des Überlebens ein Dasein als Krankenpfleger, Physiotherapeut oder Erzieher zum selbstverschuldeten finanziellen Desaster werden kann? Wie viele Familien hangeln sich beständig am Existenzminimum entlang und wie viele Künstler können sich wirklich aus eigener Tasche finanzieren?

Wie schaffen wir es, ein für uns erfülltes Leben zu führen, ohne unsere eigenen Ansprüche, Werte und Ideale zu verraten?

Die neue Spießigkeit

Da treibt die uns nachfolgende Generation Y auf eine neue Spießigkeit zu, die durch stillen Fleiß die Berufs- und Lebenswelt verändern will, hin zu mehr privatem Glück, mehr Freizeit und Familie. Und wir hängen irgendwo dazwischen. Wir lassen uns weiter in unbequeme Jobkorsetts zwängen, beschweren uns nicht über befristete Verträge und hundsmiserable Bezahlung, die oft genug unser privates Glück zermürben.

Aber kann ein anspruchsvolles Berufs- und Familienleben heute noch ohne Nanny oder Großeltern im Hintergrund funktionieren? Bzw. hat sie je funktioniert? Die meisten Stimmen sagen mittlerweile nein! Es funktioniert nur mit absolutem Stress und in Daueralarmbereitschaft (siehe: „Entspannt mit Kind“). Und alles, was im ausgeklügelten Familienjoballtagsmagagement nicht eingeplant ist, sprengt das System und lässt uns den Full-Time-Job und das Doppelverdienermodell verfluchen und manches Mal die klassische Rollenverteilung zurücksehnen: einer zu Hause, einer geht arbeiten. Punkt, fertig, aus.

Unvereinbarkeit von Familie und Beruf

„Geht alles gar nicht“, so auch der Titel eines ZEIT-Artikels über die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf. Als einen der Gründe nennen die Autoren die Verschiebung der Doppelbelastung: während unsere Mütter ihre Kinder meist noch in den 20ern bekamen und damit, wenn sie denn Karriere machen wollten, die Zeit der Kindererziehung und die der großen Karrieresprünge entzerren konnten, fällt heute oft beides in den selben Zeitraum zwischen Anfang und Ende 30. Ein Scheitern an den eigenen Ansprüchen der Vereinbarkeit ist also vorprogrammiert. Denn beidem, dem Familienleben und dem Beruf, in gleicher Weise gerecht zu werden, ohne Abstriche, das bleibt eine Illusion.

Sehnsucht nach kindlicher Unbefangenheit

Und dennoch und zum Glück lassen sich Frauen und Männern trotz aller Vorwarnungen immer wieder auf das Abenteuer Kind ein. Um dann schließlich, wenn das Gröbste überstanden ist, dem schleichenden Verlust der Kindheit im Allgemeinen und dem immer Älterwerden ihrer eigenen Kinder im Speziellen heimlich nachzutrauern.
Denn eigentlich ist es doch das, was wir so sehr vermissen in dem ganzen Jobkarriereerwachsenenschlamassel, dass wir uns eine Unbefangenheit, eine Unvoreingenommenheit, eine von Idealen geprägte freie Entscheidungsfähigkeit zurückersehnen. Ohne Pardon. Wie Kinderwünsche, die unter Tränen eingefordert und wutentbrannt verteidigt werden. Deren Wichtigkeit so existentiell ist, dass man kaum zu widersprechen wagt.

Zurück auf Anfang

Und damit zurück auf Anfang: wo wollten wir eigentlich hin? Was treibt uns wirklich an? Wer sind wir ohne Druck von außen, ohne den Spiegel der Gesellschaft? Und wie schaffen wir es uns selbst treu zu bleiben? (siehe auch: „Raus aus der Zwangsjacke“, ZEIT, Aug. 2015)

Wir sollten wach- und achtsam bleiben unseren eigenen Wünschen und Sehnsüchten gegenüber. Wir dürfen uns nicht verlieren in einer Welt, die immer unüberschaubarer wird und in der wir oft nicht mehr unterscheiden können zwischen virtuellem und realem Leben. So wie echte Freunde nicht aus erhobenen Daumen gemacht, sondern zum Anfassen und Umarmen da sind, so soll sich das wirkliche Leben auch anfühlen wie etwas, das wir selbst geschaffen, selbst anfassen, selbst in die Hand nehmen können. Raus aus der Fremdbestimmung, hinein in ein unabhängiges selbstbestimmtes Leben!

Zum Weiterlesen:
Beiträge und Artikel zu Heinz Budes „Gesellschaft der Angst“:
http://www.ndr.de/kultur/buch/Heinz-Bude-Gesellschaft-der-Angst,bude102.html
http://www.zeit.de/2014/37/lebensstil-zivilgesellschaft-generation
und zu „Die überforderte Generation“ von 
Hans Bertram, Carolin Deuflhard

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2 Kommentare

  1. Erwachsenenschlamassel- oh ja, das ist es. Aber was mich am meisten aufregt, ist die extrem ungleiche Bezahlung. Ein_e Erzieher_in, Physiotherapeut_in kann nicht von dem Einkommen leben.

  2. Jobkarriereerwachsenenschlamassel trifft es sehr gut!! Es wäre ja auch ziemlich schmerzlich zu erkennen, wer wir ohne den Druck von außen wirklich sind und wir eigentlich von Natur aus so einiges anders machen würden als MAN es halt macht und handhabt. Eine weitere Runde im Hamsterrad bis zum nächsten Zweifeln erscheint dann kurzzeitig doch nicht mehr so anstrengend. Da kann der über(schüssige)mut gleich wieder abgespeckt werden, den man sich an einem Wochenende oder in den Ferien so angedacht hat..

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