Kakteen zum Frühstück

Neulich lande ich auf dem Breakfastmarket zwischen frischer Käseplatte von vegan gehaltenen Ziegen und mexikanischer Bohnenpaste vor einer Reihe selbstgezogener Kakteen und habe keinen blassen Schimmer was die auf dem Frühstückstisch verloren haben. So ist das wohl. In die Jahre gekommen, mit Haut und Haar und nicht wissend was man heute hat und trägt. 
Ein verpasster Kaktustrend vermute ich. Aber wer mag schon Kakteen zum Frühstück?
Meine investigative Blitzrecherche bringt Licht ins Lifestyle-Dunkel: zu einem trendbewussten Frühstück gehören heute nicht nur selbst gebackene Urdinkelbrötchen, sondern gleichwohl das passende Dekor aus handgezogene Kakteen in selbstgestalteten Tontöpfen (alles DIY versteht sich). Und  – da habe ich eins und eins zusammengezählt – die gute alte Vinylplatte gehört auch dazu. Die gibt es nämlich am Stand nebenan.
Der Abstand wäre also wieder aufgeholt, ein paar Jahre wettgemacht. Vorerst.

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Während ich noch darüber staune, wie die Standverkäuferin ihre Kakteen so formvollendet herangezogen hat, frage ich mich gleichzeitig, ob das Heranziehen von Kindern und das in die Jahre kommen auch was mit Erwachsenwerden zu tun hat. Beziehungsweise frage ich mich: ab wann ist man eigentlich erwachsen? Ich meine so richtig. Nicht volljährig nach dem Gesetz. Sondern so grundsolide wie ich mir das als Kind immer vorgestellt habe, wie man wäre wenn man 30 ist. Das es ab diesem Alter noch größere bzw. grundsätzliche Erschütterungen im Leben gibt, das lag jenseits meiner kindlichen Vorstellungskraft und auch noch weit darüber hinaus. Für mich war klar, Erwachsene wissen wo´s langgeht und zwar immer ohne Zweifel.

Und jetzt steht man da mit Mitte 30 und weiß, dass das nicht ganz so stimmt. Vielleicht auch gut so, weil was macht man dann mit den restlichen 30, 40, 50 Jahren? Stehenbleiben? Zynisch und überheblich werden? Vorstellbar wäre das.

Jetzt werden wir bloß älter und befragen jedes weiße Haar, jede Falte nach ihrem Gehalt an Lebensweisheit. Meist ist die gefühlte Summe gleich null. In guten Momenten ein bisschen darüber. Vor nicht all zu langer Zeit, genauer gesagt, seitdem ich mich selbst mit diesem Thema auseinandersetze, habe ich begriffen, dass die 40- und 50jährigen um mich herum nicht zufällig alle eine genetische Voraussetzung für sehr spätes Ergrauen haben, sondern ganz einfach ihrem Friseur und seiner Farbpalette diese Episode überlassen. Spätes Erwachen auch hier. Und Ärger darüber, dass in jeder Werbung der weibliche Part nicht älter als 25, das männliche Pendant mindestens 40 plus ist. Was ist das für eine Barbie-Welt, auf die wir uns da einlassen?
Und dann kommt meine Tochter mit der Feststellung ums Eck: „Mama, du hast ja graue Haare! Die würde ich mal färben, sonst siehst du ja aus wie ne Oma!“
Da ist es dann schnell wieder vorbei mit der großen Emanzipation gegen die Anti-Aging-Maffia. Was soll man da noch sagen. Vielleicht, dass Katie Holmes ihre grauen Haare auch nicht färbt?

Bald ist es eh gegessen. Dann werde ich, noch weiter in die Jahre gekommen, mein Kind auch verbal nicht mehr verstehen. Schon jetzt gehöre ich zum Urgestein der Internetausdrucker, die noch Chirurg statt Fleischdesigner sagen und einen Swaggernaut mit einem modernen Raumfahrer verwechseln. Danke an die TOP 30 der Wahl zum Jugendwort 2016, die zum Glück die Übersetzung gleich mitliefert. Ab sofort checke ich immer heimlich die Listen der letzten Jahre wenn ich mal wieder nur Bahnhof, äh Railport, äh was? verstehe.
Allein an den englischen, smartphone- und internetbesessenen Neologismen wird mir klar welchen Quantensprung die technische Entwicklung innerhalb der letzten 20 Jahren gemacht hat und wie meilenweit entfernt, wie grundsätzlich analog, wie vehement deutsch wir die Jugendjahre erlebt und mit Begriffen flankiert haben. Cool war das wohl größte anglizistische Wagnis der 90er.

Wie dem auch sei. Der Kaktus vor mir sieht aus wie ein Penis mit Stacheln und ich habe keine Lust mehr auf die vielen Fünf-Tage-Bärte und die englospanisch sprechende Jugend (die vermutlich auch nicht viel jünger ist als ich, nur eben mit jeder nächsten Trendwelle mitschwimmt und das in die Jahre kommen anderen überlässt). Ich mache den Touristen um mich herum Platz und mich mit einem einfachen Brot unterm Arm auf den Weg nach Hause – frühstücken.

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1 Kommentar

  1. Liebe Sarah, schön, mal wieder von Dir hier zu lesen. Und dann noch übers Älterwerden und verpasste Trends. Wobei, wahrscheinlich ist es auch wieder schade um unsere Lebenszeit, wenn wir alle Trends mitbekommen. LG Maja

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