2016 – oder Trauer 2.0

2016, du warst ein hartes Jahr. Du warst ein Todesjahr und du hast am Ende nochmal in die Vollen gehauen.

Die Titelseiten der Zeitungen vom 21. Dezember waren schwarz. „Angst!“ stand da und „Nun trägt die Trauer unsere Farben“.
Zwei Tage vorher, gegen 20 Uhr, die Terrormeldung vom Breitscheidplatz. Nahezu zeitlich waren Whatsapp und Facebook in Alarmbereitschaft. In einem wildem Rundumschlag an jeden beliebigen Socialmediakontakt wurde hektisch nach Überlebenszeichen gesucht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Nachricht vom Weihnachtsmarkt saß mir in den Knochen, aber das  blieb mir quer im Hals stecken. Was war da los? Warum war mir nicht wohl dabei?
Schon Paris war nah. Jetzt stand das Entsetzen vor unserer Tür. Darauf gewartet haben wir alle. Dass es irgendwann auch hier passiert. Aber diese losgetretene Social-Media-Betroffenheitswelle macht noch etwas anderes. Sie macht Stimmung. Sie schürt Angst. Angst kann auch torpediert werden in scheinbar bangem Nachfragen an sämtliche Kontakte, um deren Wohl wir uns ansonsten nicht besonders kümmern. Und was ist mit denen, die sich nicht zurückmelden, die ihren Safe-Button nicht aktivieren? Fragen wir dann persönlich nach? Zur Not bei über 500 Leuten?

Was fehlt ist das Innehalten. Eine solche Nachricht erstmal zu verstehen und in all ihrer Unfassbarkeit zu begreifen. Ruhe, Gedenken. Stattdessen das Gefühl, einige verfolgen einfach stumpf den eingebrannten Socialmediakodex (Tempo, Reaktion, Quantität), egal was kommt. Das Nachdenken kommt später (oder gar nicht).

So tun als wärn wir mittendrin. Aber wir sind es nicht. Noch nicht. Und wenn es dann wirklich noch näher rückt. Einen von uns betrifft. Dann werden wir diese Nachricht ganz sicher nicht mehr durch jede x-beliebige Whatsapp-Gruppe schicken. Das unterscheidet die echte Betroffenheit von der suggerierten. Das unterscheidet auch reflektiertes Handeln vom kopflos Reagieren.

Gern werden nach einem solchen Ereignis auch wieder Stimmen laut, die Systeme und Gesellschaftsformen anprangern. Die Schuld suchen in der Globalisierung, im Kapitalismus usw. Nicht aber ist die Rede davon was jeder einzelne von uns tun kann. Den IS bekämpfen, Donald Trump aus dem Amt heben, das können wir nicht. Jedenfalls nicht allein. Aber wir können uns gegen den Kapitalismus und für fairen Handel einsetzen. Wir können gegen die schlechten Auswirkungen der Globalisierung regional einkaufen und damit unsere Erde und die Zukunft unserer Kinder vor der Zerstörung durch Chemikalien und Monokulturen zu schützen. Wir können Land kaufen (bioboden.de), um es vor dem Ausverkauf durch internationale Agrariesen zu schützen. Wir können unser Geld bei Banken anlegen, die damit soziale oder nachhaltige Projekte unterstützen. Wir können gegen Trump (women´s march) und für Europa (pulse of europe) auf die Straße gehen. Und wir können uns für Flüchtlinge einsetzen, deutsch mit ihnen lernen, ihnen bei Behördengängen helfen, in der Hoffnung, dass diese Gesten von Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft Früchte tragen.

Dass unsere Toleranz in einer sich so rasant verändernden Gesellschaftsstruktur immer wieder auf die Probe gestellt wird ist klar. Auch meine ganz persönliche Willkommenskultur erleidet beizeiten gehörig Schiffbruch. Etwa dann, wenn mir die „Görli“-Dealer sexistischen Mist hinterherrufen. Da bleibt mir ein „Schön, dass du hier bist!“ erstmal im Hals stecken. Was fehlt ist die persönliche Auseinandersetzung. Ich kenne ihre Geschichte, sie die meine nicht. Wenn ich an den jungen Männern aus Afrika vorbeikomme, habe ich das Gefühl, dass auf dem drei Meter breiten Radweg zwei Welten komplett aneinander vorbeifahren. Zwei Welten, in denen es, abgesehen vom Drogenhandel, kaum Überschneidungen gibt. Wenn wir nicht dafür sorgen. Diese Aufgabe an die Geflüchteten abzugeben, ist sehr bequem und verquer.

Es gibt so unglaublich viel zu tun und keiner kann sich zurücklehnen und mit dem Finger auf andere zeigen. Dafür sind die Zeiten zu heiß. Wenn wir vom Klimawandel nicht gekocht werden wollen, mahnen die Experten eine 180° Wende und zwar jetzt und nicht morgen. Es ist Zeit sich zu besinnen, innezuhalten, sich nicht ablenken zu lassen von der 1001. Whatsapp-Nachricht am Tag. Denn die Zeit läuft. Sie wartet nicht wenn wir uns in abertausend News und Fakenews, faktisch und postfaktischen Meldungen verstricken. Es geht um uns. Es geht um Zukunft. Analog und zum Anfassen. Das nackte pure Leben eben.

Literaturempfehlungen:
Roger Willemsen: Wer wir waren
Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft

https://www.merkur-zeitschrift.de/2017/02/23/jenseits-der-kindeskinder-nachhaltigkeit-im-anthropozaen/

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