Wenig, weniger, am wenigsten

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Ich habe mein Leben geschrumpft, weil ich merke wie wenig noch immer mehr als genug ist. Ich habe mich für den Moment verabschiedet von einem Berufsleben, das bestimmt ist von maßgeblichen Karriereschritten, überquellenden Lebensläufen, weltweiter Einsatzbereitschaft und haarsträubenden Arbeitszeiten.

Ich stehe in einem kleinen Berliner Buchladen und bin glücklich. Ich arbeite gern, freue mich über die Kunden und frage mich, warum die Leute alle in den Urlaub fliegen.

Ich habe mein Leben geschrumpft. Weg von dem Verlangen immer alles jetzt!, hin zu einer Arbeit, bei der ich genau weiß, mit bzw. durch was ich mein Geld verdiene und wem ich was verkaufe. Denjenigen, die direkt vor mir im Laden stehen, mit denen ich sprechen, mit denen ich mich austauschen kann.

Mit all dem neuen Leben habe ich auch mein Einkommen geschrumpft und dafür habe ich noch keine gute Antwort. Leben mit wenig Geld. Ist das trotzdem noch genug?

Ich habe mein äußeres Leben geschrumpft, um innerlich auszubauen. Mittlerweile ist es ganz geräumig da drin. Ein Debattierzimmer, eine große Bibliothek und einen weitläufigen Garten habe ich mir angelegt. Das Gute: ich brauche weder Architekt, noch Baumetrial. Die Denkräume erschaffen sich ganz von allein. Und irgendwann trifft sich imaginierter Raum mit der Wirklichkeit und Leute kommen auf mich zu und wollen gemeinsam denken.

Ich habe meinen Radius geschrumpft und höre umso lieber Geschichten aus dem Leben der anderen.
Zwei Abiturienten erzählen von sich, von den Prüfungen und was sie gerade lesen. Strotzen vor jugendlichem Selbstbewusstsein. Kaufen sich Bücher von Carolin Emcke und Erich Fried und brechen auf in ein eigenes Leben mit Kunst und Theater. Nur, um Geld zu verdienen sollten sie wohl was anderes studieren, sagen sie.
Ich möchte nicht, dass sie ihre Begeisterung, ihre Kraft und Inspiration aufgeben, nur um den hehren Ansprüchen unserer Leistungsgesellschaft gerecht zu werden. Ich möchte, dass sie kämpfen, dass sie sich dem hingeben, was sie im Herzen berührt, was sie antreibt, was sie brennen lässt. Ich möchte es an alle brüchigen, sanierten, genitrifizierten, betonierten, holzverkleideten, grellbunten Berliner Mauern sprühen: Seid unperfekt! Seid hässlich! Seid dick! Seid faul! Seid langsam! Seid uneffizient! Seid picklig, faltig und grauhaarig! Aber fangt verdammt nochmal an selber zu denken und nicht denken zu lassen!

Um mich herum werden Teenager magersüchtig und es ist schon so normal wie vorhersehbar. Aus dem gesunden, wohlgenährten Nachbarsmädchen wird in kürzester Zeit ein mageres Etwas, dem die Jeans von den Knochen rutschen, das Babybrei aus Gläschen löffelt. Und wir so hilflos alle.
Lasst uns endlich aufhören das Perfekte zu simulieren. Den perfekten Körper, die perfekte Beziehung, den perfekten Job, die perfekten Kinder. Das Unperfekte, das Unkontrollierbare akzeptieren, dann werden wir menschlich. Dann können wir vielleicht auch unsere schützende Dauerskepsis und unsere Pessimismusallüren ausziehen und gegen eine Portion nachhaltigen Optimismus austauschen, der uns an ein glückliches Leben glauben lässt.

Die perfekte Neue Welt rückt sonst bedrückend nah, ist kein utopisches Gedankenexperiment mehr. Tatsächlich lassen wir uns längst von einem Weltkonzern vorschreiben, welche Informationen wir auf unserer Suche nach Wahrheit infiltriert bekommen und übernehmen fraglos den Firmennamen in unseren täglichen Sprachgebrauch. Wir „googeln“ uns den Weg durchs Leben und huldigen dem angenagten Leuchtapfel als könnten wir uns damit den Eintritt ins Paradies sichern. Dabei verdanken wir gerade diesem den irreversiblen Rausschmiss aus Eden, den direkten Weg in den Schneewittchensarg.

Ich habe mein Leben geschrumpft, um nicht unter einem gläsernen Sargdeckel zu erwachen, dann, wenn es vielleicht zu spät ist. Ich habe meine Leben geschrumpft, weil ich mir einen klaren Blick und ein schieres Verantwortungsgefühl für mein Handeln und Nichthandeln wünsche.
Ein Leben, in dem alles immer möglich ist, wir uns aber für eine Möglichkeit entscheiden und genau hinschauen müssen, welche Früchte wir uns auf den Altar stellen.

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