Raus aus der Komfortzone!

„Frage nicht was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst!“
John F. Kennedy

Neulich war ich auf einem Festival in einem kleinen uckermärkischen Ort. Hier verausgaben sich Berliner Kunst- und Filmschaffende in der Natur und versuchen sich am Dorfleben. Schreiben Bücher darüber, machen Filme dazu und viele Workshops.

Die Frage, die mich antrieb war: wieviel gesellschaftliche Verantwortung wird hier, unter dem Titel „Systemsturz“ tatsächlich diskutiert, entworfen und gelebt? Und ist die Flucht aufs Land nicht eine noch größere Flucht ins Private, wie wir sie ohnehin schon erleben? Das Private, das Greifbare, das Handhabbare, als Halt. Wo auf der anderen Seite, also da draußen, die Angst und Verwirrung über die Unübersichtlichkeit und Überforderung unserer heutigen Welt herrschen? Und wann tauschen wir endlich die Wohnzimmerpantoffeln gegen die Gießkanne, um gemeinsam Stadtbäume zu gießen und dabei die Nachbarschaft kennenzulernen? Wann klingeln wir mal bei den neuen Nachbarn aus dem Jemen, um sie willkommen zu heißen? Wann wird schlicht aus dem Ich ein Wir?
All das klingt so einfach und ist es gleichzeitig ganz und gar nicht.

Wir haben vor drei Wochen eine Gießgruppe gegründet. Und es war ein tolles Gefühl. Ein bisschen was von Aufbruch, von Zusammenhalt, von was anpacken, was unternehmen, als bloß kopfschüttelnd den prophezeiten Weltuntergang abzuwarten. Also wollte ich tags darauf gleich Mitmachflyer drucken und daraus eine richtige nachbarschaftliche Aktion entstehen lassen. Aber kaum war eine Woche um, hatte ich vor lauter privater und beruflicher Alltagssorgen unseren Gießtag verschwitzt und plötzlich nur noch wenig Kraft übrig für solche externen Aktionen.

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Denn es geht uns doch vor allem und besonders darum, es sich selbst so gut und schön und sicher wie möglich zu machen. Die Stadt wird zu ungemütlich, suchen wir uns eben ein Plätzchen auf dem Land. Um es dort noch schöner und ruhiger und womöglich auch noch abgegrenzter von gesellschaftlicher Verantwortung zu haben. Während wir hier in der Stadt alle Wege zu Fuß, Fahrrad oder öffentlich machen, nehmen wir plötzlich lange Strecken mit dem Auto in Kauf und fühlen uns irre umweltbewusst, weil wir unser eigenes Gemüse im Garten großziehen, welches wir dürrebedingt mit Unmengen von Wasser begießen müssen. Ergo fahren wir also 200 km am Wochenende ins Wochenendhaus, um Garten und Rasen zu sprengen, damit alles möglichst grün und nicht so vertrocknet nach Klimawandel aussieht, haben dann aber keine Zeit und Kraft mehr, um das fürs Klima dringend notwendige Stadtgrün mit Wasser zu versorgen. Wir verlagern unseren Komfort also 100 km vor die Stadtgrenze, um ums den Traum vom Eigenheim doch noch zu erfüllen und den Kindern im Alter trotz aller Widrigkeiten Sicherheiten bieten zu können. Aber dem Klima, der ganz realen Zukunft unserer Kinder, ist damit nicht geholfen.

Wir feiern Feste und uns selber, sehen Performancekünstler halb nackt durchs Gemüsebeet irren und da wünsche ich mir sehr, dass wir aufhören, um uns selbst zu kreisen und endlich und wieder in größeren Zusammenhängen denken und verhandeln. Verrückte und aus dem Systemgefallene begegnen mir jeden Tag auf meinem Weg durch den Görli. Da muss ich nicht zwingend ins Brandenburgische fahren, um Menschen dabei zuzusehen, wie sie mal in aller Öffentlichkeit von der Rolle fallen dürfen. Der entscheidende Unterschied dabei ist ja der, dass Zweitere so tun als ob, während Erstere schlicht und einfach nicht mehr teilhaben am System. Wir sollten viel lieber genau darüber und am besten mit ihnen ins Gespräch kommen, warum unsere Gesellschaft keinen Platz für sie hat. Warum sie lieber im Freien übernachten, als in irgendwelchen Massenunterkünften. Denn, im Gegensatz zu uns, haben viele gar keine Möglichkeit, sich ins Private zu flüchten. Ihr Leben ist ja ganz und gar öffentlich. Und das stört und das ärgert uns und dann gehen wir schnell dran vorbei, setzen uns in eins der gepflegten Cafés vor unserer Haustür und dann zügig auf den heimischen Balkon. Da kann man dann mit sicherem Abstand die anderen beobachten.

Aber tatsächlich habe ich etwas mitgenommen vom uckermärkischen Festival. Eine Rednerin hat davon berichtet, wie sie Teil einer Bewegung geworden ist und wie diese weltweit und immer öfter und immer massiver ganze Städte lahmlegt, wichtige Knotenpunkte blockiert, sitzend und friedlich. Diese Bewegung nennt sich Extinction Rebellion und gibt sich nicht mehr zufrieden mit Demos und Petitionen, weil einfach nichts oder nicht genug passiert und das Klima und das Artensterben nicht wartet, bis wir noch mehr Filz- und Pflanzworkshops besucht, noch mehr Diskussionsrunden verfolgt und Performancekünstler verrückt genannt haben.

Ich hoffe für mich und für uns alle, dass wir endlich die gemütlichen Puschen gegen etwas ungemütliches Aktives und die Tagesschau gegen echtes Tagesgeschehen tauschen. Dass wir Straßen blockieren, Häuser besetzen, Flughäfen lahmlegen. Dass endlich was passiert in dieser tauben, angsttarren Welt!

 

Literaturtipps:

Harald Welzer: Alles könnte anders sein
Ulrich Wickert: Identifiziert euch!

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1 Kommentar

  1. Extinction Rebellion ist wohl der richtige Weg sich zur Wehr zu setzen. Es werden immer mehr solcher Gruppen geben, denn unsere Politik präsentiert sich grün, ist aber das Gegenteil davon. Setzen wir uns zur Wehr. Wählen allein genügt nicht mehr.

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