Wenn sie will, dann kann die Welt

Lockdown – Woche I

Dann kann sie den Flugverkehr einstellen, das Grundeinkommen realisieren, unermessliche Summen an Geld zur Verfügung stellen für Wirtschaft und Medizin, dann kann sie das komplette öffentliche Leben lahmlegen, Menschen von zu Hause aus arbeiten und sie nicht mehr reisen lassen, Kitas und Schulen schließen.

Wenn sie will, kann sie alle Kräfte bündeln und nur und einzig auf ein Ziel hinarbeiten. Koste es, was es wolle.


Natur als das Schützenswerteste, was wir haben

Die Kanäle in Venedig sind glasklar, die Kondensstreifen am Himmel werden spärlich. Die Menschen in Peking sehen zum ersten Mal blauen Himmel.

Dieser gesellschaftliche Lockdown ist die Chance auf ein Innehalten. Die Chance auf ein Verwundertsein über das, was möglich ist – von Seiten der Natur und von Seiten der Menschen im Umgang damit, dann, wenn es wirklich uns selbst betrifft. Wenn es unsere Großeltern, Eltern, unsere immunschwachen Geschwister, Freunde und Kinder sein können, die wir dadurch verlieren. Dieses Begreifen, dass Natur nie bezwingbar ist vom Menschen und schon gar nicht von wirtschaftlichen Belangen. Vielleicht entsteht daraus irgendwann wieder eine Demut, vor dem, was größer ist als wir. Vor der Natur als das Schützenswerteste, was wir haben, weil es unser ureigener Ursprung, unsere Nahrung, unser Lebens- und Überlebensraum ist. Und vor dem Menschen, als Menschen, der im Eigentlichen weder Hochleistungsapparat, noch egomanische Ellbogenkreatur ist, sondern ein soziales Wesen, im höchsten Maße empathisch, am glücklichsten, wenn es anderen helfen kann und seelisch erfüllt wird durch die Kunst. All das, (noch) keine Disziplinen, die in unserer Gesellschaft mit jenen Summen Geld versorgt werden, von denen jetzt die Rede ist. Die Krankenschwestern und Pfleger auf der Intensivstation, von denen heute eine ganze Nation, die ganze Welt abhängt. Bekommen sie dafür auch einen Bonus, sowie die Chefetagen der großen Wirtschaftsunternehmen?

Die Welt kann den Menschen im Gesundheitswesen täglich um 21 Uhr applaudieren und sie könnte diese Situation zum Anlass einer Umverteilung nehmen. Jedem/r die Vergütung, die ihm/ihr zusteht, zustehen müsste. Im Moment sind die Anwärter*innen für die höchste Gehaltsstufe, neben dem Krankenhauspersonal, wohl die Kassierer*innen im Supermarkt, die ohne Pause und ohne Wochenende arbeiten und sich dabei jederzeit größter Infektionsgefahr aussetzen.

Hier geht nichts im Affenzahn

Wenn sie will, dann kann die Welt in einer enormen Geschwindigkeit politische Entscheidungen treffen. Nahezu im Stundentakt werden neue Richtlinien verkündet, noch mehr Einrichtungen geschlossen, noch restriktivere Vorkehrungen getroffen. All das in einem Affenzahn.

An anderen Orten, warten andere Menschen schon sehr, sehr lange auf Entscheidungen und Handlungen der politischen Welt. Auch hier geht es um Leben und Tod. Täglich und nicht nur für Alte und Vorerkrankte. Hier sterben Kinder und Jugendlichen an Hunger, Krieg und an unmenschlichen Zuständen. Hier geht nichts im Affenzahn. Als hätten sie mehr Zeit und eine bessere Überlebenschance als wir.
Nur wenn sie will, dann kann die Welt.

Sich auf ein komplett neues Leben einzulassen, auf eine völlig andere Welt

Es sind viele große und kleine Aha-Erlebnisse, die uns dieses Virus beschert. Auf einmal kann ich fühlen, was es bedeutet, tage-, wochen-, vielleicht sogar monatelang isoliert und eng auf eng in kleinstem Raum zusammenzusitzen. Perspektivlos, nicht wissend, was kommt: Haben wir am Ende noch Arbeit? Können wir unsere Miete bezahlen? Wer versorgt wen im Notfall und wie wird es unseren Angehörigen ergehen?
All das sind Alltagserfahrungen unzähliger Menschen, die ihre Häuser, ihre Arbeit, ihr Unternehmen, ihre Familie, ihre Heimat verlassen vor Krieg und Verfolgung. In der Hoffnung auf ein besseres Leben. Ein besseres Leben, das oft aus wenigen Quadratmetern Wohnfläche, aus Arbeitslosigkeit, großer Ungewissheit und gesellschaftlicher Isolation besteht. Diese Menschen schütteln die Köpfe über unseren Klopapierwahn und unsere Panik zu verhungern. Diese Menschen wissen, was Hunger bedeutet, was es bedeutet keinen Alltag mehr zu haben, nicht nur monate-, sondern jahrelang. Sie wissen längst, was es heißt, wenn von einem auf dem anderen Tag nichts mehr ist, was gestern noch galt. Diese Menschen haben gelernt, sich auf ein komplett neues Leben einzulassen, auf eine völlig andere Welt.
Schaffen wir das auch?

Wie werden wir uns verändern?

Jene Menschen haben auch erfahren, dass das Wegbrechen der gewohnten Strukturen Menschen und Familien zerstören kann. Weil nicht mehr gilt, was vorher war. Während wir annehmen, jetzt sei doch alles gut hier für sie bei uns. Wahrscheinlich müssen wir erst selbst erfahren, wie stark die psychische Komponente wirkt, um zu verstehen.

Wie werden wir uns verändern? Als Individuum, als Paar, als Familie? Rücken wir näher zusammen oder explodieren am Ende die Scheidungsraten? Die Schulpsycholog*innen und sozialen Krisendienste richten Hotlines ein, weil sie um die Schwere der Situation wissen. Wissen, dass Konflikte eskalieren, wenn man sich nicht mehr aus dem Weg gehen kann, keine Rückzugsmöglichkeiten mehr hat.

Und wer nochmal hilft den schwer traumatisierten Kindern und Jugendlichen auf den griechischen Inseln? Für sie sind Rückzugsmöglichkeiten, ärztliche oder psychologische Hilfsangebote unerreichbare Privilegien einer anderen Welt. Für sie und alle anderen in den dreifach überfüllten Lagern ist nicht nur das Virus brandgefährlich.


Wenn sie will, dann kann die Welt

Wenn sie will, dann kann die Welt. Dann kann sie aus all dem lernen, was jetzt möglich scheint: eine sich erholende Natur, ein zutiefst humanes, in Gemeinschaft denkendes Miteinander, ein gesichertes, menschenwürdiges Einkommen für alle, eine Wirtschaft, die in erster Linie auf die Umwelt, als unsere wichtigste Ressource überhaupt achtet und auf den Menschen als soziales, verwundbares Wesen. Als eine Welt, die die Welt als Ganzes begreift und nicht nur als ein paar privilegierte Flecken auf unserem Erdball.

 

Angeregt durch und angelehnt an das Gedicht von Thomas Gsella:

Die Corona-Lehre

Quarantänehäuser spriessen,
Ärzte, Betten überall,
Forscher forschen, Gelder fliessen –
Politik mit Überschall.
Also hat sie klargestellt:
Wenn sie will, dann kann die Welt.

Also will sie nicht beenden
Das Krepieren in den Kriegen,
Das Verrecken vor den Stränden
Und dass Kinder schreiend liegen
In den Zelten, zitternd nass.
Also will sie. Alles das.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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