Zwischen heute und gestern ein ganzes Jahr

Lockdown – Woche II

Als ob zwischen heute und gestern ein ganzes Jahr läge. Als ob immer aufs Neue wieder alles neu ist. Die Medien rauschen, die privaten Geschichten rücken näher. Und dennoch fühlt es sich an wie im Vakuum. Ein Raum, aus dem alle Luft entwichen ist und wir auf einmal nicht mehr wissen wie wir atmen sollen.

2020-04.04._Café_Rewe_Foto_Sarah Wiltschek

Die Ereignisse haben ein solches Tempo, dass sich im Kopf die Gedanken überschlagen. Wir erleben jeden Tag Dinge, die wir noch nie erlebt haben. Wir erleben wie schnell Dinge normal werden, von denen wir gestern noch dachten, das würde uns nie passieren: Leere Supermarktregale, Ausgangssperre, Handytracking. Wie anpassungsfähig wir sind, wie wandelbar. Es wird sich wohl anfühlen wie Weihnachten, wenn wir irgendwann wieder unsere Einkaufswägen vollstopfen, mit allem, was wir so lange nicht kaufen konnten. Aber wird es wirklich dasselbe sein? Oder haben wir in der Zwischenzeit verstanden wie viel wir eigentlich nicht brauchen?
Was werden wir mit der Anekdote vom fehlenden Klopapier verbinden, wenn wir sie unseren Enkelkindern erzählen?
Den Point Zero eines neuen Gesellschaftssystems?
Oder wieder nur ein paar nachgezogene Stellschrauben?

Jetzt wächst die Sehnsucht Tag für Tag

Es ist als wären wir eingeladen, in eins der Länder, in denen Lebensmittelmangel, tödliche Krankheiten, zu wenig wirksame Medizin, eine restriktiv eingeschränkte Bewegungsfreiheit und größte soziale und wirtschaftliche Unsicherheit an der Tagesordnung sind. Nun, da unser Besuch schon mehr als zwei Wochen andauert, haben wir langsam Heimweh. Wir sehnen uns zurück in ein Land, in dem die Supermarktregale sich unter den Waren biegen und wir die freie Auswahl haben zwischen mindesten zehn verschiedenen Klopapier-, und Mehlsorten. In dem wir jederzeit in eine Arztpraxis spazieren und um eine Grippeimpfung bitten können. In dem wir uns so oft und zu welcher Uhrzeit wir wollen mit Freunden treffen dürfen, egal wo, egal mit wem. Gerade das fühlt sich jetzt an wie kurz vorm Paradies: mit Freunden in der Sonne, im Restaurant, beim Kindergeburtstag.
Wir haben nicht gewusst, wie gut es uns tatsächlich geht.
Eigentlich war es an irgendeiner Stelle immer zu wenig.
Und jetzt?
Jetzt wächst die Sehnsucht Tag für Tag.

2020-04.04._Kasse Aldi_Foto3_sw_Sarah Wiltschek

Als hätten wir nie andere Themen gehabt

Wie schnell es normal geworden ist, sich nur noch über den neusten Podcast eines Virologen, das lustigste Quarantänevideo und die Vorzüge von Zoom-Konferenzen zu unterhalten. Wie schnell wir uns an ein völlig neues Vokabular gewöhnt haben und jetzt vornehmlich über Social Distancing, Herdenimmunität und Risikogruppen reden. Als hätten wir nie andere Themen gehabt.

Wir erleben die vielen Vorzüge der Digitalisierung. Und gleichzeitig spüren wir zum ersten Mal mit voller Wucht, dass Bildschirme und Headsets niemals ersetzen können, was wir Menschen uns gegenseitig sind. Nicht nur bei Freunden und Familie. Selbst den Leuten im Home Office fällt langsam die Decke auf den Kopf. Die Mittagspause zusammen, der Kaffee zwischendurch.
All das fehlt.
Und wir sind noch ganz am Anfang. Und wir dürfen noch vor die Haustür. Wir dürfen noch joggen und im Park spazieren gehen. In Spanien sitzen alle unter Hausarrest. Wie ist das machbar. Als Familie, als Paar, allein?

Und doch und gleichzeitig haben wir das Gefühl, dass die Kontakte und der Austausch intensiver werden. Gemeinsame Zeit wird kostbarer. Als wüssten wir, dass wir jetzt nicht versäumen dürfen, füreinander da zu sein.

So halte ich Kontakt zu meinem alten Leben.

Informationsboykott und Verschwörungstheorien

In meinem neuen Leben treffe ich auf Menschen, die den Bundestag am Liebsten komplett zerlegen und austauschen wollen. Die die Situation für vollkommen überzogen halten und die verhängten Maßnahmen als persönlichen Affront empfinden (und sich selbstredend auch nicht daran halten). Ich spreche mit Menschen, die keinerlei Zusammenhang sehen zwischen der Lage in unseren Nachbarländern und der möglichen Situation hier bei uns. Und ich verstehe, dass das Menschen sind, für die alle anderen an allem Schuld sind, die das Vertrauen in unsere Regierung verloren haben und die sich mit Dankbarkeit auf jedwedige Verschwörungstheorie stürzen. Und ich verstehe sehr konkret, wie gefährlich das sein kann. Diese Leute sagen mir, dass man die richtigen Insiderberichte nur über die richtigen Insiderkanäle bekommt.
Es ist nicht deren Frust und deren Politikverdrossenheit, die mich sprachlos machen. Es ist ihr bewusster Informationsboykott, vermutlich auch eine Form des politischen Protests, der mir persönlich zum ersten Mal begegnet und der mich sehr sehr nachdenklich macht.

Und trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass wir unseren Enkelkindern am Ende mehr zu erzählen haben, als die Anekdote vom Klopapier. Dass wir den Mut, die Kraft, die Klugheit haben, unser Haus als Gesellschaft in seinen wichtigsten Grundfesten neu zu errichten und die ausgedienten Stellschrauben auf direktem, wenngleich nachhaltigem Wege zu entsorgen.

 

 

 

 

 

 

 

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